Erinnerung an Flüchtlingssommer 2015 Wiedersehen in Schwarzenborn

Während der Migrationskrise im Sommer und Herbst 2015 hat das Regierungspräsidium (RP) Kassel eine Zeltstadt für rund 500 Geflüchtete auf dem Übungsplatz des Jägerbataillons 1 in Schwarzenborn (Schwalm-Eder-Kreis) betrieben. Regierungspräsident Hermann-Josef Klüber kam anlässlich eines Besuchs vor Ort mit Herrn Feras Rashid ins Gespräch, einem ehemaligen Bewohner des Zeltlagers.

Herr Klüber, damals Regierungsvizepräsident, und Herr Rashid hatten sich 2015 in Schwarzenborn kennengelernt und sind seitdem in lockerem Kontakt geblieben. In Schwarzenborn erinnerten sich beide noch einmal zurück an die turbulente Zeit des sogenannten „Willkommenssommers“ 2015, als Tausende Menschen vor allem aus Syrien in Europa und Deutschland Zuflucht vor Krieg und Verfolgung suchten.

An dem Austausch teil nahmen auch der Erste Kreisbeigeordnete des Schwalm-Eder-Kreises, Jürgen Kaufmann (2001-2016 Bürgermeister von Schwarzenborn), der stellvertretende Bataillonskommandeur, Oberstleutnant Brattig, Schwarzenborns Bürgermeister Jürgen Liebermann und Michael Stein, Mitarbeiter des RP Kassel und 2015 Objektleiter des Zeltlagers.


Feras Rashid, heute 29 Jahre alt, kam im August 2015 als Flüchtling nach Schwarzenborn. Als Angehöriger der kurdischen Minderheit in Syrien musste er seine Heimatstadt Aleppo verlassen. „Ansonsten hätte mir der Militärdienst gedroht,“ so Feras Rashid. Zurück ließ der studierte Finanz- und Wirtschaftswissenschaftler seine Familie und seinen Beruf als Marketing- und Vertriebsleiter eines örtlichen Unternehmens. Seine 22-tägige Flucht führte Herrn Rashid über den Libanon und die Türkei per Schlauchboot hinüber nach Griechenland und auf der Balkanroute über Budapest nach Bayern. Dort wurde er schließlich aufgegriffen und durchlief Aufnahmeeinrichtungen in Bayreuth und Gießen, bevor er Ende August in Schwarzenborn angelangte.
Dort hatte das RP Kassel gerade erst in Zusammenarbeit mit der Stadt Schwarzenborn, dem dortigen Bundeswehrstandort und den regionalen Hilfsorganisationen ein Zeltlager für 500 Menschen eingerichtet. „Überall wurden schnell Unterkünfte gebraucht. Die Zeltstadt war von
Freitag auf Samstag aufgebaut“, erinnerte sich der ehemalige Bürgermeister Jürgen Kaufmann und würdigte die große logistische und menschliche Leistung des Teams aus Haupt- und Ehrenamtlichen. „Es war nur ein Zeltlager und viele Menschen sind sicherlich mit anderen Erwartungen in Schwarzenborn angekommen,“ ergänzte Michael Stein, der damals die Standortleitung innehatte.

„Doch das haben wir wettgemacht durch kleine Gesten wie einen Kiosk, ein Gebets-Zelt, die gemeinsame Ausgestaltung des Opferfestes. Das hat die Stimmung im Lager gehoben.“ Stein erinnerte auch an die große Unterstützung aus der örtlichen Bevölkerung, von Privatleuten und Vereinen. „Uns hat an nichts gefehlt.“ Auch Feras Rashid beschrieb seine ersten Eindrücke: „Das war erstmal ein Schock. Zwanzig Männer in einem Zelt und es war auch im Sommer sehr kalt. Auf der Flucht hat man wochenlang keine Zeit zum Ausruhen – und dann sitzt man in Schwarzenborn im Zelt ohne Beschäftigung“ Zudem hätten die den militärischen Sicherheitsbereich der Bundeswehrkaserne kennzeichnenden Schilder mit dem Hinweis auf möglichen Schusswaffengebrauch auch für Unsicherheit und Missverständnisse gesorgt. „Aber hier wurde von allen Helfern tolle Arbeit geleistet, alle haben sich sehr um uns gekümmert. Es war ein sehr gutes Miteinander,“ so Rashid

Der tragische Tod eines Lagerbewohners aufgrund einer Vorerkrankung führte vorübergehend zu Unruhen und Tumulten in der Zeltstadt und einem Großeinsatz der Polizei. „Aufgrund von Gerüchten und Sprachhindernissen hat das starke Emotionen ausgelöst, die Situation schaukelte sich immer mehr auf,“ erinnerte sich Regierungspräsident Klüber. Er war nachts von Michael Stein über die Lage informiert worden und am nächsten Morgen angereist, um die Situation zu beruhigen. Dort kam es dann zum Zusammentreffen mit Herrn Rashid: „Er sprach am besten Englisch und konnte zwischen Behörden und Bewohnern vermitteln. Wir haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden.“ Klüber und Michael Stein sagten dann allen Geflüchteten zu, dass sie innerhalb von 14 Tagen in feste Unterkünfte umziehen konnten. „Und wir haben Wort gehalten. Auch durch die Unterstützung von Herrn Rashid konnten wir die Lage dann schnell wieder beruhigen“, so der Regierungspräsident.
Das Zeltlager in Schwarzenborn wurde nach sieben Wochen Betrieb, auch angesichts des herannahenden Winters, wieder geschlossen und abgebaut. Und auch Feras Rashid kam in eine neue Aufnahmeeinrichtung in Kassel – und blieb. Nach einem Deutschkurs schrieb er sich an der Universität Kassel ein, machte einen weiteren Hochschulabschluss – einen Master in Digital Business – und ist seit Anfang 2021 Trainee bei der Kasseler Verkehrs- und Versorgungs-GmbH (KVV) sowie Mitglied im Smart City Team innerhalb der KVV. Inzwischen hat Feras Rashid auch seine Frau aus Syrien nach
Deutschland geholt und ist Vater eines vierjährigen Sohnes. Demnächst will er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen.

Regierungspräsident Klüber zollte dieser beeindruckenden Lebens- und Integrationsleistung Anerkennung: „Herr Rashid hat Krieg und Flucht am eigenen Leib durchlebt – etwas das wir Nachkriegsgeborenen in Deutschland nur aus den Erzählungen unserer Eltern und Großeltern kennen. In Deutschland hat Herr Rashid sich rasch integriert, exzellente Leistungen gezeigt und sich in Kassel ein neues Leben aufgebaut. Diese Leistung nötigt mir größten Respekt ab.“ Feras Rashid ergänzte abschließend: „Mir war es wichtig, eine Arbeit in Kassel zu finden und nach dem Studium nicht von hier wegzugehen. Ich fühle mich sehr wohl hier und möchte der Region etwas zurückgeben“, so Feras Rashid abschließend.

Quelle: Presseinformation des Land Hessen